Cyber-Life – google Deine Hose!
Willkommen nities,
es begann mit einer verschollenen Hose …
Suchend stand ich neulich vor meinem Kleiderschrank und konnte diese spezielle, eher selten getragene Hose, die ich zu besonderen Anlässen zur Arbeit anzuziehen pflege, einfach nicht finden. Wie selbstverständlich schoss mir der Gedanke durch den Kopf, mal danach zu googlen.
Wie bekloppt, dachte ich im nächsten Moment, ich kann doch nicht in meinem Kleiderschrank googlen. Vielleicht ist es aber eines Tages soweit? Mittlerweile gibt es ja schon spezielle Apps, die einem den Arbeits- und Tagesablauf regeln sollen.
Dabei weckt einen beispielsweise das Handy morgens eine Stunde früher und empfiehlt, einen Lauf durch den Wald zu unternehmen, da man doch gestern etwas zu viel gegessen habe. Solche Dinge und noch viel mehr gibt es bereits. Viele Menschen lassen sich ihr Leben vom iPhone bestimmen. Wenn ich mir vorstelle, was vielleicht irgendwann mal alles Alltag sein wird …
Ich werde morgens aus dem Schlaf gerissen. Mein Akku ist noch nicht ganz voll, das Betriebssystem noch im Schlafmodus, aber ich soll erstmal eine Stunde laufen. Das sei gut für mein Laufwerk und die Speicherkapazität meiner Festplatte. Okay, so mache ich das. Ich vertraue dem App, denn App und Mensch sind eins, miteinander verschmolzen und unzertrennlich. Sie meinen es nur gut mit einem. Unter meiner Haut ist ein Chip eingepflanzt, der drahtlos mit einem externen Computer kommuniziert. Ich bin selbst Teil eines Computers geworden.
Die durch die Schlafunterbrechung noch nicht ganz aufgefüllte Energie am frühen Morgen nehme ich (noch) in Form von Nahrung zu mir. Anschließend wird mein Betriebssystem mithilfe eines Waldlaufes auf Stand-by getrimmt. Jetzt bin ich einsatzbereit.
Ich verlasse meine Wohnung. Zur gleichen Zeit tritt zufällig auch mein attraktiver Nachbar aus der Tür. Ich grüße freundlich und flirte ein bisschen mit ihm. Er lächelt ebenfalls ganz nett und zwinkert, was er sonst nie tut. Ich bin glücklich. Im Auto erkenne ich im Spiegel, wieso er gelächelt hat: An meinem Mundwinkel klebt noch Frühstücksmarmelade. Vor lauter Schreck spule ich die Scene zurück und mache es beim zweiten Mal besser. Mit sauberem Gesicht wiederhole ich die Situation, welche im zweiten Anlauf besser für mich ausgeht.
Unten an der Gartenpforte lauert schon die unbeliebte Frau Kunze, die einem ständig eine falsche Mülltrennung vorwirft. Schnell spule ich vor und bin so rasch an ihr vorbei, dass sie nur einen Windzug zu spüren bekommt, der ihr selber das Altpapier aus den Händen reißt. Ich drehe mich um und muss lachen. Das nenne ich mal eine ökologische Mülltrennung.
Im Büro, in das ich mit meinem Iris-Scan und Fingerabdruck Zugang erhalte, stöpsel ich mich sofort an den dortigen PC an und dieser misst sogleich meine Daten. Meine Ankunftszeit, Kaffeepausen und Klo-Besuche werden genauso aufgezeichnet, wie mein Gehen am Abend und mit wem ich mich über was unterhalte. Alle Daten können ja wichtig sein und zu besseren Arbeitsergebnissen führen, so die Erklärung des Chefs.
Wenn man sich mal nicht so gut fühlt, dann geht man nicht mehr zum Arzt, sondern zu einem Hard- und Softwarespezialisten. Hardwareprobleme können entstehen, wenn man sich beim Waldlauf den Knöchel verstaucht. Zu Hardwareproblemen zählen auch In- und Output-Probleme, die man früher unter dem Namen Verdauungsbeschwerden kannte.
Fühlt sich jemand von seinem Leben überfordert, muss er sich an den Softwarespezialisten wenden, der dann schaut, ob vielleicht die Festplatte voll ist. Diese Krankheit war früher bekannt unter dem Namen Burn-out. Psychologen und kostenspielige Kuren werden nicht mehr benötigt, da der Softwaretechniker das Problem ja einfacher und schneller beheben kann. Er konfiguriert mal eben schnell das Oberstübchen neu.
Sollte jemand durchdrehen, sich auf einmal als mehrere Computer verstehen, also gleichzeitig Steuerungspult der Deutschen Bahn, Zentralrechner der Bundesbank und Play Station II sein, dann ist er nicht schizophren, sondern hat bestimmt einen Virus. Das kann passieren, wenn man sich oft in die Daten, seiner Mitmenschen, also Mit-Apps, einmischt. Nicht alle Menschen-Apps sind kompatibel untereinander, denn Multikulti ist ja bekanntlich nicht immer einfach.
Auch das Familienleben findet virtuell statt. Man kann sich ganz einfach mal eben zu seinem Partner und Kindern beamen und gleichzeitig auf der Arbeit vor dem Rechner sitzen. So verpasst man nicht, wenn das Kind den ersten Zahn bekommt, zum ersten Mal „Papa“ sagt und so was. Man könnte das Ereignis aber auch speichern und später jederzeit abrufen.
Am Nachmittag ruft der Chef zum Meeting. Während er redet und redet, macht es bei seinen Untergebenen im Akkord nur „Strg. + S“, „Strg. + S“ und alles ist aufgenommen. (Gesundheitsfanatiker benutzen Betriebssysteme mit Obstnamen und speichern „Apfel + S“)
Da aber irgendwann jeder mal kaputt geht oder neue, schnellere Arbeitskräfte nachrücken, wird noch früher aussortiert. Irgendwann wird man dann verschrottet oder verbrannt und auf einem Schrottplatz beigesetzt. Bei den Indern wird übrigens recycled.
Meine Hose habe ich übrigens doch noch gefunden. Sie hing unter einer anderen Hose auf dem Kleiderbügel. Mediengestalter würden sagen, sie befand sich auf einer unterliegenden Ebene. Aber ich habe sie ja gefunden, ganz altmodisch ohne danach zu googlen.



auch wenn wir auf den Rosenmontagsumzug noch paar Tage warten müssen, die ersten Karnevalsveranstaltungen und Narrensitzungen haben bereits begonnen. Mensch und Tier (wie hier Theaterhund Oskar) freut sich drauf, sich endlich wieder verkleiden zu dürfen. Verkleidet, so habe ich festgestellt, fühlen sich einige Leute freier, 