Die Weihnachtsbescherung kam aus dem Straßengraben
Ho ho ho, ihr lieben nities,
Weihnachten kommt ja jedes Jahr so überraschend.
Für euch nicht? Habt ihr etwa schon alle Geschenke beisammen oder gehört ihr zu den geschätzten 60% Christen, die sich dieses Jahr einmal gar nichts schenken wollen – wie letztes Jahr übrigens, als dann urplötzlich und ach so überraschend der iPod oder das iPhone unterm Baum lag. Wer schnell noch paar Plätzchen backen muss, dem empfehle ich, mein Rezept im Blog der letzten Woche nachzubacken. Nehmt dazu jedoch besser weihnachtliche Ausstechförmchen.
Wie feiert ihr das Fest? Fahrt ihr zu euren Eltern oder habt ihr bereits eure eigene Familie? Stellt ihr einen Baum auf oder verzieht ihr euch lieber in die nächste Kneipe, um dem ganzen Spuk zu entgehen? Mögt ihr es traditionell, Lichter, Kerzen, Weihnachtsmusik, vielleicht mit der klassischen Weihnachtsgans oder seid ihr Vegetarier und gewinnt dem kommerziellen Rummel sowieso nichts ab? Besucht ihr einen Gottesdienst oder schaut ihr euch Actionvideos an? Eigentlich ist Weihnachten erst richtig schön, wenn Kinder dabei sind, meint ihr nicht auch?
Wie war es eigentlich früher bei euch zu Hause, als ihr Kinder gewesen seid? Könnt ihr euch noch an die Feiertage erinnern?
Ihr wollt nicht, dass ich euch stets ausfrage, ihr wollt etwas von mir hören? Okay, überredet.
Ich erzähle euch eine kleine Geschichte von einem, mir im Gedächtnis gebliebenen, Weihnachtsfest aus meiner Kindheit:
Es war Mitte der Siebziger Jahre. Ich war so zwei, drei Jahre alt. Ich merkte, dass irgendetwas anders war am 24. Dezember. Es ging schon früh morgens hektisch zu. Ich wurde von einer Ecke in die nächste gescheucht, stand scheinbar überall im Weg herum. Der Opa holte eine Tanne aus dem Garten und stellte sie ins Wohnzimmer. Das stachelige Gewächs wurde mit Lametta geschmückt und dann auch noch mit Kerzen bestückt. Wozu das alles, dachte ich, schließlich hatte meine Mutter schon so viele Blumen und Palmen im Wohnzimmer stehen? Wieso jetzt noch nen Baum, außerdem pikte der doch so? Unter den Erwachsenen herrschte angespannter Perfektionsdrang. Bloß nichts anfassen, nicht so laut durch das Haus rennen, artig sein, hieß es für mich. Klein Katja durfte auf einmal nicht mal mehr im Wohnzimmer spielen, obwohl sie dort doch so gerne mit ihrer Holzeisenbahn durchfuhr. Der Weihnachtsmann würde heute Abend kommen, erklärte die Oma. Aber nur zu lieben Kindern, fügte sie mit Nachdruck hinzu. Okay, dachte ich enttäuscht und zog eine lange Kinderschnute. Zwar klein, aber nicht doof, deutete ich die Anreihung ihrer Worte auf den Hinweis, ich sei kein braves Kind. So heulte und tobte ich erst recht laut und gar nicht artig. Während der Opa mit der Oma schimpfte, was sie dem Kind für einen Stuss erzählte, versicherte er mir, dass wir auch Besuch bekommen würden, von einer Gestalt mit einem roten Mantel, langem Bart und einem Sack voller Geschenke. Denn ich sei natürlich ein liebes Kind, tröstete der Opa. Schlagartig hörte ich mit dem Geschrei auf.
Mit großen Augen und offenem Mund starrte ich Opi an: Geschenke!?
Natürlich war es aus mit der besinnlichen Stimmung. So wartete ich ungeduldig auf diesen mysteriösen Herrn Weihnachtsmann. Doch Geduld war noch nie meine Stärke und letztlich versuchte mich mein Vater, endlich müde zu bekommen. Seine Idee war, einen langen Spaziergang mit mir zu unternehmen, bis in den Heiligen Abend hinein, bis der Weihnachtsmann seine Geschenke ablegen würde. Ich wurde eingepackt in dicker Daunenjacke, oben drauf ne Bommelmütze, Schal und Fäustlinge kamen auch noch dazu. Aus dem gesamten Kleiderberg schauten am Ende nur noch zwei Augen hervor. So tobten wir im Schnee und spielten Verstecken. Ich rannte an den Straßenrand und versteckte mich in einem trockengelegten Graben. Mittlerweile war es recht dunkel und der Vater trieb zum Gehen. Klein Katja kam aus ihrem Versteck und gemeinsam trotteten Vater und Töchterchen nach Hause. Mein Paps bemerkte in der Dunkelheit einen unangenehmen Geruch, der uns verfolgte, zu sehen war aber nichts. Im Haus angekommen zeigte sich der Grund: Im Graben muss wohl kurz vorher ein Hund seinen vorweihnachtlichen, prallen Darm entleert haben. Der Inhalt klebte nun an meinen Schuhen. Eine schöne Bescherung war das!
An die Geschenke in diesem Jahr kann ich mich nicht mehr entsinnen, ich glaube aber, ich bekam trotzdem welche. Mit weitaus mehr Platz nistete sich die andere Erinnerung in mein Gedächtnis ein: Weihnachten mit dem Geruch von frischen Plätzchen, ähm frischen Geschäftchens.
Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten, ein paar besinnliche Tage. Esst nicht zu viel Weihnachtsgebäck, später ärgert ihr euch nur
und gebt Acht, wohin ihr tretet, beim Spazierengehen.
PS: Wer uns neben seinen Kindheitserfahrungen, aktuellen Weihnachtsfeierlichkeiten oder Traditionen noch ein leckeres Plätzchenrezept verraten möchte, der sehe sich herzlich aufgefordert, es hier niederzuschreiben.
Schlagwörter: Blog, Katja, new-in-town, Weihnachten



am 19. 12. 2010 um 21:28
Hallo Katja,
sehr schöne Kindheitserinnerung. Als ich mir das Bild angesehen habe, das Sofa, der Vorhang, so ähnlich sah es bei uns auch aus, sofort tauchen verschwommen (bin Jahrgang 1970) manche Bilder wieder auf.
Interessant war es auch für mich als Kind, zu sehen, wie der Weihnachtsbaum zu Hause geschmückt wurde, meine Großeltern mütterlicherseits schmückten ihren Baum wieder ganz anders.
Naturlich ist das alles, wenn man noch sehr klein ist, totlangweilig, man möchte endlich, daß die Bescherung losgeht. Gut, daß ich da, nachdem es dunkel geworden war, nie so lange warten mußte. Meine Mutter hatte es nämlich als Kind gehaßt, daß noch zuerst gegessen wurde, bzw. Gedichte aufgesagt werden mußten, bis endlich nach Stunden beschert wurde. Das hat sie mir dann von Anfang an erspart. Trotzdem ist das Warten, bis es endlich dunkel wird, immer eine große Herausforderung für jedes Kind.
am 20. 12. 2010 um 10:23
Eine sehr lustige Geschichte mit dem “Geruch des Geschäftchens”! Ich erinnere mich auch nur zu gern an die Weihnachtszeit meiner Kindheit.Am Morgen des 24. wurde der Weihnachtsbaum geschmückt (jedes Jahr ein bisschen anders), am Nachmittag schauten wir Weihnachtsmärchen oder “Wir warten aufs Christkind” im Fernsehen an, bevor es dann zur langersehnten Bescherung ging. Heute im Erwachsenenalter ist das alles nicht mehr ganz so aufregend, zumal im Berufsleben leider oftmals eher Stress als Vorfreude angesagt ist. Und die totale Kommerzialisierung des Weihnachtsgeschäfts hat auch wenig mit Besinnlichkeit zu tun.
am 20. 12. 2010 um 21:20
Mein Name ist Tim Nelson. Das ist nicht mein richtiger Name, aber das macht nichts. Ich erinnere mich zu Weihnachten hauptsächlich an meinen jüngeren Bruder Marc. Am Abend des zweiten Weihnachtstages vor über 20 Jahren starb Marc – bei einem Verkehrsunfall. Marc war 12 Jahre alt.
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Unsere Familie bestand seinerzeit aus drei Personen: Mark, meiner Mutter und mich. Unser Vater starb, bevor wir beide das Grundschulalter erreichten. Er war lange sehr krank. Sein Tod war demnach eine Erlösung für ihn.
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Marks Unfall geschah mit seinem BMX-Rad, welches er gerade zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Unsere Mutter hatte ihm natürlich verboten, mit dem neuen Fahrrad, das nicht verkehrssicher war, nach Sonnenuntergang auf der Straße zu fahren. Wie immer hat er nicht auf sie gehört. Man kann einen Zwölfjährigen aber auch nicht ständig im Auge behalten. Marc war ein quirliger, aber beliebter, freundlicher Junge. Er und sein Freund Dennis, der auch so ein Crossrad hatte, rasten über Schnee und Eis, ließen sich in das weiche Weiß fallen und standen lachend wieder auf. An einer viel befahrenen Straßenkreuzung ist Marc auf dem Glatteis ausgerutscht und schlidderte genau vor einen vorbeifahrenden Kleinlaster. Er wurde meterweit mitgerissen. Mein Bruder war sofort tot.
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Unsere Mutter brauchte sehr lange, um über seinen Tod hinwegzukommen. Sie hat es bis heute nicht ganz geschafft. Sie legte ihm seit dem Tag des Unfalls jedes Jahr zu Weihnachten eine Süßigkeit ins Fenster; neben einer brennenden Kerze. Sie sagte, dass Marcs Geist vorbeikommen und die Süßigkeit holen würde. Vielleicht wollte sie mich trösten, vielleicht auch sich selber? Ich habe die Kerze damals stundenlang beobachtet, aber die Süßigkeit wurde nicht abgeholt. Sie blieb einfach liegen. Ich habe sie dann selber unauffällig verschwinden lassen. Meiner Mutter zuliebe. Ich meinte es nicht böse, ich dachte, ich würde sie damit ein wenig trösten. Ich fühlte mich wie einen Beschützer, den Mann im Hause. Irgendwann hat sie von selber damit aufgehört, etwas für Mark zur Abholung ins Fenster zu legen. Ich weiß nicht, ob sie ahnte, dass ich die Dinge verschwinden ließ oder ob sie über seinen Tod doch irgendwie hinwegkam? Die Zeit heilt alle Wunden, manchmal geht es schneller, manchmal dauert es länger.
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Den Weihnachtstag, an dem mein Bruder verunglückte und all die folgenden Jahre, in denen die Kerze mit der Süßigkeit im Fenster stand, das sind die Erinnerungen, die bei mir mit dem Christfest aus meiner Kindheit einhergehen.
am 22. 12. 2010 um 12:59
Ja, gerade an seine Kindheit erinnert man sich an Weihnachten gerne wieder. Geht mir auch so.
Da war die Welt sozusagen noch in Ordnung. Ich denke, es ist irgenwie immer schöner, wenn Kinder dabei sind. Das Warten auf den Weihnachtsmann, die großen Augen. Leider geht die Weihnachtsfreude an Erwachsenen oft vorbei, da man arbeiten muss und gerade da vor Weihnachten viel zu tun ist. In einigen Betrieben herrscht Urlaubssperre und vieles ist für Erwachsene nur noch auf Kommerz ausgelegt.
Kinder sehen das anders. Weihnachten wird einem als Kind immer schöner vorkommen oder vorgekommen sein, egal ob man jetzt 70 ist, 50, oder 30 Jahre. Die Zeit spielt keine Rolle, das Kindsein macht das Gefühl aus.
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Ein Plätzchenrezept habe ich auch.
Ich mag gerne Ingwerkekse:
200g Mehl (mit Vollkornmehl wird es bissfester), 120g Butter, 80g Zucker (evt. Rohrzucker), 1TL Backpulver, 1 EL Zitronensaft, 1 EL frisch geriebener Ingwer, 75g kandierter Ingwer.
Alles verrühren und zur Rolle rollen. Eine Stunde in den Kühlschrank stellen und dann 5-6mm dicke Plätzchen von der Rolle abschneiden. 10-15 Minuten backen (175-180 Grad)
FROHE WEIHNACHTEN