Die Verwandlung der Gesellschaft an Feiertagen
Hallo nities,
zu Weihnachten passieren ungewöhnliche Dinge mit uns Menschen. Man erinnert sich gerne an die eigene Kindheit, wünscht sich Frieden. Auf einmal ist jeder freundlich, man lässt andere Kunden mit weniger Einkäufen an Warteschlangen vor Supermarktkassen den Vortritt, grüßt sich untereinander wohlwollend, hält seinen Mitmenschen die Türe auf oder lächelt einfach mal einem Fremden zu. Kaum ist das Christfest vorbei, der Alltag hat uns wieder, verfallen wir in unseren alten Trott.
Ich wachte eines Morgens nach dem Weihnachtsfest auf, streckte und reckte mich, fühlte mich ausgeruht, leistungsfähig, glücklich – noch. Doch dann hörte ich nebenan laute Konversation und Handwerksgeräusche, hämmern, bohren. Vielleicht wurde ein Schrank aufgebaut? Aus dem zweiten Stock hallten bereits die ständigen Klavierübungen eines anderen Nachbarn zu mir rauf. Hurra, der Alltag ist zurück, schnaufte ich ironisch. Nur nicht aufregen, es einfach locker sehen, wies ich mich selber zurecht. Alles nicht so schlimm. Optimistisch stand ich auf, kochte Kaffee, frühstückte und fuhr den Computer hoch. Lauter SPAM-Nachrichten im Posteingang. Aber nicht ärgern, dachte ich wieder, ist ja alles nicht so tragisch. Ein flüchtiger Blick auf die Uhr trieb mich zur Eile. Jetzt auch noch zu spät zur Arbeit erscheinen, das ginge gar nicht. Schnell sprang ich unter die Dusche und erschrak: Kein Heißwasser! Meinen Leitsatz „Nur nicht aufregen, alles nicht so schlimm“ hörte ich mich sagen. Also sah ich es positiv, duschte kalt und bildete mir ein, dadurch extrem wach und fit geworden zu sein. Eine kalte Dusche am Morgen regt doch den Stoffwechsel auf natürliche Weise an.
Mein Auto musste ich suchen, es hatte wieder geschneit. Nachdem ich es gefunden, ausgebuddelt und gestartet hatte, wie sollte es anders sein, fand ich mich wenige Minuten später im Stau wieder. Langsam fiel es mir nicht mehr ganz so leicht, mich auf meinen positiven Satz zu konzentrieren. Dabei war gestern, an Weihnachten, doch noch alles so friedlich. Hinter mir hupte jemand und steckte mich mit seiner Wut an. Ich stand doch selber, kam keinen Meter weiter! Am liebsten wär ich ausgestiegen und hätte dem Meister der Hupe mal ordentlich was erzählt. Auf einmal kam mir der Film „Lola rennt“ in den Sinn. Neulich habe ich einen Bericht über den neuen Film namens „Drei“ des Regisseurs Tom Tykwer gelesen. Dieser soll wohl nach ähnlichem Prinzip laufen wie der berühmte Film mit Franka Potente und Moritz Bleibtreu von 1998. Eine Szene wird gezeigt und drei Möglichkeiten eines Handlungsablaufes vorgestellt. Ich überlegte mir, wie ich wohl jetzt reagieren könnte. Einfach meinen Prinzipien, meinen guten Vorsätzen des heutigen Tages folgen und versuchen ruhig und gelassen zu sein? Ich sehe die Szene:
Der Typ hinter mir hupte und hob seinen Arm mit einer drohenden Geste in die Lüfte. Ich lächelte freundlich, ließ ihn machen. Irgendwann löste der Stau sich auf und ich erreichte gelassen meinen Arbeitsplatz …
- Schnitt -
Der Typ hinter mir hupte und hob seinen Arm drohend. Ich stieg aus, klopfte an seine Scheibe, welche er sofort schimpfend herunterkurbelte. Er schrie mich sofort an: „Was fällt Ihnen ein, so langsam zu fahren. Bleiben Sie doch zu Hause, wenn Sie nicht Auto fahren können.“ Ich war geschockt, rechtfertigte mich jedoch: „Was kann ich dafür, dass wir hier stehen? Vor mir liegt der Verkehr ebenso still.“ „Sie fahren aber am dümmsten“, motzte er weiter. Mir wurde klar, dass der Mann einfach nur irgendjemanden anmeckern musste, er sah den schuldlosen Umfang meiner Beteiligung jedoch nicht. Also stieg ich wieder in mein Auto. Dennoch lastete der Streit auf meinem Gemüt, da ich mich nicht gewehrt hatte und zu Unrecht angeschnauzt wurde. Ich fühlte mich traurig …
- Schnitt! –
Die gleiche Szene lief wieder vor mir ab. Wir befanden uns noch beim ersten Wortwechsel, doch auf einmal holt der Mann mit seiner drohenden Faust aus. Diese landete an meinem Kinn. Ich lag mit gebrochenem Kiefer am Boden. Blut färbte den Schnee rot, ich spuckte Zähne. Ein paar andere Autofahrer hatten den Auftritt mitbekommen und riefen die Polizei und den Krankenwagen. Der Stau wurde immer länger und noch mehr Menschen kamen an diesem Tag zu spät zur Arbeit. Ich sah mich im Krankenhaus. In den folgenden 4-6 Wochen bestand meine Ernährung aus Brei, den ich über einen Strohhalm einsaugte …
- Schnitt! -
Es ging weiter. Endlich kam ich an meiner Arbeitsstelle an, noch rechtzeitig. In der Redaktion herrschte ungewöhnliche Stille. Viele Kollegen hatten sich zwischen den Jahren freigenommen. Ich saß vor meinem PC und verschaffte mir einen Überblick über die Nachrichten, von denen es zu berichten hieß. Soweit war alles noch friedlich in den Räumen. Auf einmal klingelte das Telefon. Der Geschäftsführer eines nahegelegenen Supermarktes war dran und schimpfte ungebremst über einen Artikel über seinen Laden, der im Lokalteil stehen würde. Dieser entspräche ganz und gar nicht der Wahrheit und der Mann sah den Ruf seines Geschäftes geschädigt. Ich wusste gar nicht, um was es ging.
„Was, Sie wissen nicht mal, was in der Zeitung steht, für die Sie arbeiten?“, empörte er sich. Der weiß wohl nicht, wie man in einer Redaktion arbeitet, dachte ich, es gibt doch mehrere Redakteure. Während er nur so in die Muschel schimpfte und seiner Wut freien Lauf ließ, überlegte ich mir drei Möglichkeiten:
Ich warf einen Blick in die heutige Ausgabe, überflog den Artikel. Ich fand heraus, dass man die Sache zum Guten drehen könnte und bot eine Gegendarstellung für die morgige Ausgabe an, inklusive einer Seite mit extra Werbung. Der Geschäftsmann gab sich nicht nur zufrieden, war sogar begeistert und buchte daraufhin noch eine teure Anzeige für die Wochenendausgabe. In der Abendkonferenz lobte man mich, weil ich so professionell gehandelt habe und versprach mir eine Gehaltserhöhung …
- Schnitt -
Ich versprach einen Rückruf und wählte die Nummer des verantwortlichen Kollegen, welcher sich im Urlaub befand. Ich fragte ihn, was es mit dem Artikel auf sich habe. Der Redakteur schimpfte, warum ich nicht einfach eigenmächtig entscheide, er sei jetzt im wohlverdienten Urlaub und knallte den Hörer auf die Gabel. In den folgenden Wochen stellte sich heraus, dass der Kollege mich sowieso schon auf dem Kieker hatte, und mobbte mich seit dem. Er postete unter anderem auf Netzwerkseiten im Internet irgendwelche zweideutigen Dinge gegen mich und mir wurden fortan Fehler untergejubelt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mir einen neuen Job zu suchen …
- Schnitt -
Ich überflog den Artikel, versuchte Verständnis für den Geschädigten aufzubringen und versprach, mich um eine Aufklärung zu kümmern. In der Redaktionskonferenz sprach ich das Thema an und erfuhr, dass der Artikel absolut der Wahrheit entspräche und man mit einer solchen Reaktion gerechnet hatte …
- Schnitt -
Am späten Vormittag hatte ich einen Außentermin, zu dem ich mit der U-Bahn fahren musste. Ich konnte Fahrten mit den Öffentlichen noch nie leiden. Ob ich es gedanklich selber anzog oder es Zufall war, traf nämlich genau das ein, was ich befürchtete: unangenehme Mitreisende. Mir gegenüber saß eine junge Frau, die mit offenem Mund auf ihrem Kaugummi herumkaute. Weiter hinten hörte jemand bei voller Lautstärke Musik über seinen MP3 Player. Außerdem saßen mindestens 6 Fahrgäste in der U-Bahn, die lauthals telefonierten. Ich war ziemlich genervt. Am liebsten hätte ich den Leuten hier allesamt mal Anstand und Ordnung beigebracht. Der Wiederkäuer vor mir störte mich am meisten. So kreisten meine Gedanken erneut um drei Möglichkeiten:
Ich sagte gar nichts und fraß den Ärger in mich rein. Irgendwann bekam ich Bauchschmerzen und Schweißausbrüche und fiel für die kommende Woche wegen eines Magengeschwürs aus. Am Ende verlor ich meinen Job, weil ich mich in der Urlaubszeit krankschreiben ließ …
- Schnitt -
Ich saß in der Bahn und sprach den Mitmenschen gegenüber freundlich an. „Sagen Sie mal, könnten Sie vielleicht den Mund schließen, wenn Sie Kaugummi kauen?“ Sie schaute mich unverständig an, riss die Augen auf und brüllte „Was geht dich das an? Ich hau dir auf´s Maul!“ Erschrocken und geschockt über die Reaktion sagte ich gar nichts mehr. Kurz drauf kam der Freund der jungen Frau und führte ihre Drohung aus. Wieder lag ich mit gebrochenem Kiefer im Krankenhaus …
- Schnitt –
Ich sprach die junge Kaugummikauerin an und bekam Zustimmung von den anderen Fahrgästen. „Sie haben ja so recht. Endlich sagt mal jemand etwas.“ Die junge Frau merkte jetzt selber, wie unhöflich sie war, entschuldigte sich und alles war gut …
- Schnitt -
Der Zug hielt und ich stieg am Marktplätzchen eines urigen Außenbezirkes aus. Hier hatte ich ein Interviewtermin. Weihnachtsschmuck hing über den Straßen und an den Bäumen. Die stimmungsvolle Musik eines Glühweinstandes lud zum Verweilen ein, auf einer angrenzenden Eisbahn liefen Kinder umher, lachten fröhlich. Die Menschen waren freundlich. Ich fühlte mich gleich wieder mitgerissen und mir wurde klar, wie viele Möglichkeiten es jeweils gibt, mit einer Situation umzugehen. Auch, dass die Umgebung die Stimmung beeinflusst, beziehungsweise man sich beeinflussen lässt, einfach angesteckt wird. Weihnachten hat stets etwas Besänftigendes, doch der Alltag kommt schnell. Ich frage mich, warum wir die Stimmung nicht etwas länger in uns halten können, wo sich jeder Mensch doch wohler damit fühlt, es friedlich mag?


Es war Mitte der Siebziger Jahre. Ich war so zwei, drei Jahre alt. Ich merkte, dass irgendetwas anders war am 24. Dezember. Es ging schon früh morgens hektisch zu. Ich wurde von einer Ecke in die nächste gescheucht, stand scheinbar überall im Weg herum. Der Opa holte eine Tanne aus dem Garten und stellte sie ins Wohnzimmer. Das stachelige Gewächs wurde mit Lametta geschmückt und dann auch noch mit Kerzen bestückt. Wozu das alles, dachte ich, schließlich hatte meine Mutter schon so viele Blumen und Palmen im Wohnzimmer stehen? Wieso jetzt noch nen Baum, außerdem pikte der doch so? Unter den Erwachsenen herrschte angespannter Perfektionsdrang. Bloß nichts anfassen, nicht so laut durch das 
ich habe neulich eine Fortsetzung der Geschichte über den Frühstückstreff angekündigt. Da ich meine Versprechen weitgehend einzuhalten versuche, bekommt ihr sie heute. Über die Vorbereitung dazu habe ich ja bereits am 20. November berichtet. Nach längerer Überlegung habe ich mich für einen Erfahrungsbericht meiner eigenen ersten Teilnahme entschieden, berichte also aus der Position des Gastes. Voilà: